Niemand will euer Formular ausfüllen

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01.08.2026
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14 min read

Warum die Anzahl eurer Felder und die Wahl eurer Voreinstellungen mehr über euren Umsatz entscheiden als jedes Redesign.

Für Eilige: Das Formular ist die Kasse. Ihr habt sie hinter einer Tür versteckt, die klemmt. Ein einziges überflüssiges Feld hat Expedia zwölf Millionen Dollar im Jahr gekostet. Eine geänderte Voreinstellung kann die Zustimmungsrate verdoppeln – ohne einen Cent Mediabudget. Seit Juni 2025 ist die Sache obendrein eine Compliance-Frage. Und das Ganze kostet drei bis vier Wochen Designleistung, nicht ein Quartal. Wer jetzt „keine Kapazität“ sagt, meint eigentlich „wir zahlen lieber weiter“.


Es gibt in fast jedem Projektplan eine Zeile, die so aussieht: „Formular umsetzen“. Ein Ticket. Vielleicht zwei Personentage. Meistens am Ende des Sprints, meistens beim günstigsten verfügbaren Menschen, meistens ohne Test.

Und es gibt in fast jedem Produkt eine Stelle, an der aus Interesse Geld wird. Die Anmeldung. Der Antrag. Der Checkout. Die Depoteröffnung.

Das ist dieselbe Stelle.

Ich mache das seit über zehn Jahren – Konzernprojekte, Startups, Fachanwendungen, Onboardings – und ich habe noch kein Projekt gesehen, in dem das Formular so viel Aufmerksamkeit bekommen hat wie die Startseite. Über die Hero-Section diskutieren sieben Leute drei Wochen. Über das Feld, an dem die Hälfte aussteigt, diskutiert niemand.

Dabei entscheidet die Startseite darüber, ob jemand euch mag. Das Formular entscheidet darüber, ob jemand euch bezahlt.

Dieser Text ist für alle, die Budgets freigeben. Er enthält Zahlen, Urteile und Quellen. Und eine Behauptung: Formulararbeit ist keine Gestaltungsfrage, sondern eine Ertragsfrage. Wer sie ans Ende des Sprints schiebt, verschiebt keinen Task, sondern Umsatz.


1. Jedes Feld ist eine Frage an einen Fremden

Stellt euch vor, jemand betritt euren Laden. Ihr wollt verkaufen. Und bevor ihr verkauft, fragt ihr: Vorname, Nachname, Anrede, Firma, zweite Adresszeile, Telefonnummer, Faxnummer.

Fax. Immer noch. Ich sehe das jedes Jahr.

Im Laden würde das niemand machen. Im Formular macht es fast jeder – weil ein Formular nicht wie ein Gespräch aussieht, sondern wie eine Datenbanktabelle. Und Datenbanktabellen entstehen dort, wo interne Wünsche gesammelt werden: Vertrieb will die Telefonnummer, Marketing will die Branche, Legal will die Checkbox, CRM will das Pflichtfeld. Am Ende steht ein Formular, das die Bedürfnisse von acht Abteilungen abbildet und die von keinem einzigen Kunden.

Das ist teuer. Und zwar messbar.

Expedia. Das wohl bekannteste Beispiel: Im Buchungsformular gab es ein Feld „Company“. Viele Kunden trugen dort den Namen ihrer Bank ein – und in der Zeile darunter dann die Adresse der Bank statt ihrer eigenen. Die Adressprüfung der Kreditkarte schlug fehl, die Buchung brach ab. Expedia löschte das Feld. Ergebnis nach Angabe des damaligen VP Analytics: rund 12 Millionen Dollar zusätzlicher Gewinn pro Jahr. Ein Feld.

Der 300-Millionen-Dollar-Button. Jared Spool beschreibt einen großen Händler, dessen Checkout mit einer Wand begann: Login oder Registrieren. Neukunden wollten kaufen, nicht heiraten. Das Team ersetzte „Registrieren“ durch „Weiter“ plus den Hinweis, dass man kein Konto braucht – heute nennt das jeder Guest Checkout, damals war es eine Zumutung für die CRM-Abteilung. Die Zahl der Käufer stieg um 45 Prozent, im ersten Monat kamen 15 Millionen Dollar zusätzlich rein, im ersten Jahr 300 Millionen. In derselben Analyse fanden sie heraus, dass 45 Prozent der Kunden mehrfach registriert waren und täglich rund 160.000 Passwort-Anfragen eingingen. Der Originaltext von 2009 ist immer noch online.

Der Durchschnitt. Das Baymard Institute misst seit über zehn Jahren Checkouts. Ihr Benchmark zeigt: Ein durchschnittlicher Checkout zeigt rund 23,5 Formularelemente, davon etwa 15 echte Eingabefelder – nötig wären ungefähr acht. Baymard hält bei den meisten Shops eine Reduktion um 20 bis 60 Prozent für machbar. Die durchschnittliche Warenkorbabbruchrate liegt seit Jahren bei rund 70 Prozent, und der behebbare Anteil ist groß: Baymard beziffert das Conversion-Potenzial allein durch bessere Checkout-Usability auf über 35 Prozent.

Die öffentliche Hand kann das übrigens auch. Der britische Government Digital Service hat den Antrag auf Carer's Allowance – Pflegegeld – nicht digitalisiert, sondern auseinandergenommen. Ergebnis: 170 Fragen gestrichen, knapp die Hälfte des Antrags. Die Abschlussquote lag danach über 80 Prozent, bei Wiederkehrern über 90.

Der Punkt ist nicht „weniger Felder sehen hübscher aus“. Der Punkt ist: Jedes Feld hat einen eigenen Drop-off. Ihr bezahlt ihn seit Jahren, ihr seht ihn nur nicht, weil er in keiner Kostenstelle steht. Kein Controller merkt, dass Geld fehlt, das nie angekommen ist.


2. Defaults: der stärkste Hebel, den niemand budgetiert

Wenn Feldreduktion die offensichtliche Optimierung ist, dann sind Voreinstellungen die unsichtbare.

Ein Default ist die Antwort, die euer Formular gibt, wenn der Nutzer nichts tut. Und die meisten Nutzer tun nichts. Das ist keine Faulheit, das ist Ökonomie: Wer ein Formular ausfüllt, will es hinter sich bringen. Alles, was schon dasteht, wird als „vermutlich richtig“ und als „vermutlich empfohlen“ gelesen.

Die dazugehörige Studie ist inzwischen ein Klassiker. Eric Johnson und Daniel Goldstein haben 2003 in Science untersucht, warum die Organspende-Bereitschaft in Europa zwischen Ländern um fast eine Größenordnung auseinanderliegt – bei ähnlicher Kultur, ähnlicher Infrastruktur, ähnlicher Religion. Der Unterschied war nicht Überzeugung. Der Unterschied war das Häkchen. In Ländern mit Widerspruchslösung liegen die Zustimmungsraten nahe 100 Prozent, in Ländern mit Zustimmungslösung im niedrigen zweistelligen Bereich. In ihrem eigenen Online-Experiment lag die Zustimmung bei Opt-out bei rund 82 Prozent und bei Opt-in bei rund 42 Prozent – identische Frage, identische Menschen, andere Voreinstellung. „Do Defaults Save Lives?“, Science 302, 1338–1339.

Merkt euch die Größenordnung: Ein Häkchen hat die Entscheidung ungefähr verdoppelt. Kein Copy-Test, kein Redesign, keine Kampagne kommt da ran. Verhaltensökonomen nennen das Choice Architecture. Ihr nennt es „hat der Entwickler halt so gesetzt“.

Warum das funktioniert, ist gut untersucht:

  • Aufwand. Jede Änderung kostet einen Klick und eine Entscheidung. Beides ist teurer, als es aussieht.
  • Empfehlung. Wer eine Voreinstellung sieht, liest sie als Rat des Anbieters. „Die werden schon wissen, was üblich ist.“
  • Status quo. Etwas wegnehmen fühlt sich schlechter an, als es nie gehabt zu haben. Das gilt auch für ein Häkchen.

Wenn ihr also in eurem Produkt eine Voreinstellung habt, dann trefft ihr eine Entscheidung für einen erheblichen Teil eurer Nutzer. Die Frage ist nur, ob ihr das bewusst tut oder ob es der Default eures Frameworks war.

Und das ist der Satz, den ich Projektverantwortlichen am häufigsten sage: Ihr habt keine Wahl, ob ihr Defaults setzt. Ihr habt nur die Wahl, ob ihr sie gestaltet.


3. Smart Defaults: die Hypothese über eure Zielgruppe

Der Fachbegriff dafür lautet Smart Defaults – Voreinstellungen, die aus Daten, Kontext und Gerät abgeleitet sind statt aus dem Bauch. Die Betonung liegt auf smart. Ein Default, den niemand hergeleitet hat, ist kein Smart Default, sondern ein Standardwert aus der Doku eines Frameworks, das euch nicht kennt.

Denn ein Default ist immer eine Behauptung: So ist unser typischer Nutzer. Wer diese Behauptung nicht prüft, spart sich keine Arbeit – er verlagert sie nur. Vom Team zum Kunden.

Ein paar Beispiele aus der Praxis, alle real, alle mehr als einmal gesehen:

Das Länderfeld. Alphabetisch sortiert, Afghanistan oben. Wenn die große Mehrheit eurer Kunden aus Deutschland kommt – und in den meisten Projekten, die ich sehe, ist das so –, dann scrollt genau diese Mehrheit bei jeder Bestellung an achtzig Ländern vorbei. Schaut in eure eigenen Zahlen, bevor ihr das für eine Kleinigkeit haltet.

Die Anrede. In Deutschland kein Geschmacksthema mehr, sondern ein Rechtsthema. Das OLG Frankfurt hat 2022 entschieden, dass ein Buchungsformular, das zwingend „Herr“ oder „Frau“ verlangt, nicht-binäre Personen diskriminiert (Az. 9 U 92/20); der BGH hat die Nichtzulassungsbeschwerde der Deutschen Bahn 2024 zurückgewiesen. Kurzfassung bei beck-aktuell. Die ehrlichere Frage lautet aber: Braucht ihr die Anrede überhaupt? Wenn sie nur existiert, damit der Serienbrief „Sehr geehrter“ schreiben kann, dann habt ihr ein Pflichtfeld mit Klagerisiko eingebaut, um euch eine Zeile Textbaustein zu sparen.

Der Betrag. Bei Sparplänen, Spenden und Abos ist der voreingestellte Betrag die wirkungsvollste Zahl auf der ganzen Seite. Zu niedrig, und ihr verschenkt Volumen. Zu hoch, und ihr verliert Leute, die sich nicht trauen zu korrigieren. Diese Zahl gehört hergeleitet – aus euren Bestandsdaten, nicht aus dem Bauch des Produktmanagers.

Die Zahlungsart. Vorausgewählt ist meist die, die euch am wenigsten Gebühren kostet. Gemessen wird selten, was sie euch an Abbrüchen kostet.

Das Häkchen für den Newsletter. Dazu gleich mehr.

Die zweite Adresszeile. Braucht ein Prozent eurer Nutzer. Steht bei hundert Prozent im Weg. Gehört hinter einen Link – Progressive Disclosure heißt das, und es kostet euch genau nichts.

Und das Feld, das ihr für Vorbelegung haltet. Placeholder sind keine Defaults, aber sie werden dafür gehalten – und sie ersetzen viel zu oft das Label. Die Nielsen Norman Group hat das schon 2014 klar formuliert: Placeholder in Formularfeldern schaden mehr, als sie nutzen. Sobald jemand tippt, ist der Hinweis weg. Wer beim Prüfen zurückscrollt, sieht nur noch Werte ohne Beschriftung. Für Menschen mit Seh- oder Konzentrationseinschränkung ist es schlicht eine Barriere.

Zielgruppenarbeit heißt hier ganz konkret: Wer ist die Mehrheit, und was ist für die Mehrheit richtig? Nicht: Was ist für uns bequem? Und schon gar nicht: Was war voreingestellt, als wir das Template gekauft haben?

Das lässt sich beantworten. Bestandsdaten, fünf bis acht Nutzertests, ein Blick ins Service-Center-Protokoll. Keine Grundlagenforschung, keine Studie, kein Institut. Eine Woche Arbeit. Ihr habt letztes Jahr länger über ein Logo geredet.


4. Wo der Default aufhört und der Dark Pattern anfängt

Kurzer, aber wichtiger Absatz, weil ich sonst missverstanden werde.

Defaults sind mächtig. Genau deshalb sind sie reguliert.

Der EuGH hat 2019 im Fall Planet49 entschieden, dass ein vorangekreuztes Kästchen keine wirksame Einwilligung ist (Rs. C-673/17); der BGH hat das 2020 für Deutschland bestätigt (I ZR 7/16). Zusammenfassung beim vzbv. Wer heute noch mit vorbelegten Einwilligungen arbeitet, optimiert nicht, sondern riskiert Abmahnungen.

Der Test, den ich benutze, ist simpel:

Wem nützt diese Voreinstellung, wenn der Nutzer sie nicht bemerkt?

Nützt sie dem Nutzer, ist es gutes Design. Nützt sie nur euch, ist es ein Dark Pattern – eine Gestaltung, die nur funktioniert, solange niemand hinschaut. Der Unterschied zwischen „Standardversand vorausgewählt“ und „Reiseversicherung vorausgewählt“ ist keine Nuance. Das eine ist Service, das andere ist Trickbetrug mit Corporate Design.

Und der Nebeneffekt, den Controller lieben werden: Defaults, die täuschen, produzieren Stornos, Beschwerden und Service-Anrufe. Sie ziehen Umsatz nach vorne und schieben Kosten nach hinten. Das ist kein Geschäftsmodell, das ist eine Bugwelle mit Quartalsverzögerung.


5. Seit Juni 2025 ist das kein Nice-to-have mehr

Falls die Umsatzargumente nicht durchdringen: Es gibt jetzt auch ein Gesetz.

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) ist am 28. Juni 2025 in Kraft getreten und setzt den European Accessibility Act um. Betroffen sind unter anderem Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr gegenüber Verbrauchern – also Onlineshops, Buchungsstrecken, Kontaktformulare, Bezahlvorgänge, Apps. Maßstab ist die EN 301 549, die wiederum auf WCAG 2.1 AA verweist. Bußgelder bis 100.000 Euro, dazu wettbewerbsrechtliche Abmahnungen. Kleinstunternehmen sind bei Dienstleistungen ausgenommen.

Und was ist an einem Formular typischerweise nicht barrierefrei? Genau die Dinge, über die dieser Text handelt: fehlende oder als Placeholder getarnte Labels, Fehlermeldungen ohne Bezug zum Feld, Pflichtfelder, die nur farblich markiert sind, Zeitlimits, Autofill-Blockaden, Fokusreihenfolgen, die springen.

Anders gesagt: Die Formularüberarbeitung, die ihr aus Conversion-Gründen ohnehin machen solltet, ist seit einem Jahr auch die Compliance-Aufgabe, die ihr sowieso machen müsst. Zwei Argumente, ein Budgetposten. Das passiert selten. Ich würde da nicht lange überlegen.

Und nein, ein zugekauftes Accessibility-Overlay ist keine Lösung. Es ist eine Rechnung mit Beruhigungsfunktion.


6. Was ich in solchen Projekten tatsächlich mache

Damit das nicht nach Prinzipienreiterei klingt, hier der Ablauf, den ich in Formularprojekten fahre. Er ist unspektakulär, und genau das ist der Punkt.

1. Feld-Audit. Jedes Feld auf den Tisch, und zu jedem Feld eine Frage: Wer braucht diese Angabe, wofür, und was passiert, wenn sie fehlt? Erfahrungsgemäß fällt ein Drittel sofort raus, ein weiteres Drittel wandert hinter einen Link oder in einen späteren Schritt. Der harte Teil ist nicht die Analyse, sondern das Gespräch mit den Abteilungen, die das Feld bestellt haben.

2. Datenbedarf gegen Datenkosten. Jede Angabe, die ihr abfragt, hat einen Preis in Abbrüchen und einen zweiten in Datenschutzpflichten. Ein Feld, das nur „mal ganz nett fürs CRM“ ist, ist nie umsonst.

3. Smart Defaults herleiten, nicht raten. Verteilung in den Bestandsdaten ansehen. Was wählen 80 Prozent? Das wird die Voreinstellung – solange sie dem Nutzer nicht schadet. Wo die Verteilung flach ist, gibt es keinen Default, sondern eine bewusste Auswahl. „Wir nehmen einfach das Erste“ ist keine Herleitung, das ist Würfeln mit besserer Schriftart.

4. Fehler als Gestaltungsaufgabe. Fehlermeldungen am Feld, in Klartext, mit Lösung. Validierung nach dem Verlassen des Feldes, nicht beim Tippen. Und niemals Eingaben löschen. Ein Formular, das einen bestraft, wird kein zweites Mal ausgefüllt.

5. Testen mit fünf Leuten aus der echten Zielgruppe. Nicht mit Kollegen. Kollegen kennen die Begriffe. Genau das ist das Problem.

6. Messen. Feldweise Abbruchraten, Fehlerhäufigkeit pro Feld, Zeit im Feld. Formulare sind eines der wenigen Designartefakte, deren Wirkung sich sauber quantifizieren lässt. Das ist eure beste Chance, Designarbeit intern zu verteidigen.

Konkret geworden ist das bei mir zum Beispiel bei der Depoteröffnung von VisualVest, dem digitalen Anlageangebot aus dem Union-Investment-Umfeld. Eine Depoteröffnung ist der harte Fall: regulatorisch aufgeladen, viele Pflichtangaben, Legitimation, Risikoprofil – und trotzdem eine Strecke, an deren Ende jemand Geld anlegt oder es eben nicht tut. Da wird jede Voreinstellung zur Vertrauensfrage, weil ein voreingestellter Betrag oder ein vorausgewähltes Risikoprofil eben nicht neutral ist, sondern wie ein Ratschlag gelesen wird. Wer in diesem Kontext einen Default setzt, sollte begründen können, warum.

Ein zweites Projekt – ein digitaler Zukunftsplaner, bislang unveröffentlicht – lief auf dieselbe Frage hinaus, nur mit anderem Vorzeichen: Wie viel darf ein Produkt für den Nutzer vorwegnehmen, bevor Hilfestellung zu Bevormundung wird?

Und der Rest zieht sich als Kleinarbeit durch fast jedes Projekt, das ich mache: Registrierungen, Onboardings, Anträge, Kontaktstrecken. Nicht spektakulär. Aber es ist die Stelle, an der Produkte gewonnen oder verloren werden.


7. Die Rechnung, mit der ihr das intern durchbekommt

Die häufigste Antwort auf gute Formulararbeit lautet: „Dafür haben wir gerade keine Kapazität.“ Deshalb hier die Rechnung, die ihr euren Entscheidern vorlegen könnt.

Angenommen, 50.000 Menschen starten pro Jahr euer Formular, 60 Prozent schließen ab. Das sind 30.000 Abschlüsse. Ihr verbessert die Abschlussquote um fünf Prozentpunkte auf 65 – eine konservative Annahme, gemessen an den Größenordnungen weiter oben. Das sind 2.500 zusätzliche Abschlüsse. Bei 80 Euro Deckungsbeitrag: 200.000 Euro.

Auf der anderen Seite: Feld-Audit, Redesign, zwei Testrunden, Umsetzungsbegleitung. Realistisch drei bis vier Wochen Designleistung.

Ihr müsst diese Zahlen nicht glauben. Ihr sollt sie durch eure eigenen ersetzen. Aber macht die Rechnung überhaupt auf – denn ohne sie bleibt das Formular ein Ticket, und Tickets werden von der Person bearbeitet, die gerade Luft hat.

Was ihr dafür konkret freigeben müsst, falls ihr die Position im Budget benennen wollt:

  • ein bis zwei Tage für den Feld-Audit, inklusive der Gespräche mit Vertrieb, Legal und CRM
  • Zugriff auf eure Bestandsdaten – ohne den bleiben Defaults Meinung
  • zwei Testrunden mit je fünf Personen aus der echten Zielgruppe, keine Kollegen
  • Umsetzungsbegleitung, damit die Entscheidungen nicht im Ticket versanden
  • eine Person mit Mandat, die entscheiden darf, welches Feld gestrichen wird

Der letzte Punkt ist der wichtigste. Formularprojekte scheitern fast nie an der Gestaltung. Sie scheitern daran, dass niemand befugt ist, einer Fachabteilung ein Feld wegzunehmen.

Und noch ein Kostenblock, der gerne vergessen wird: Jeder Abbruch, der im Service-Center landet, kostet euch ein Telefonat. Jede unklare Fehlermeldung produziert Tickets. Jedes doppelt angelegte Konto verschmutzt euer CRM und wird später in einem Migrationsprojekt teuer bereinigt. Schlechte Formulare sind nicht nur ein Umsatzproblem. Sie sind ein Betriebskostenproblem mit langer Halbwertszeit.


Warum ihr mir das glauben könnt

Ich bin Tobias Adam, freier UX-Designer in Hamburg, seit über zehn Jahren in digitaler Produktentwicklung.

Gelernt habe ich das Handwerk in Agenturen, unter anderem bei Jung von Matt und deepblue networks – also an der Stelle, an der Anspruch, Konzernrealität und Deadline gleichzeitig auf dem Tisch liegen. Gearbeitet habe ich unter anderem für BMW, Audi, FIFA, Union Investment, Vodafone, OBI und die Deutsche Messe. Über 20 Auszeichnungen, darunter Webby, ADC und Cannes.

Was mich an Formularen interessiert, ist genau das, was sie für Awards untauglich macht: Sie sind der ehrlichste Teil eines Produkts. Eine Startseite kann behaupten, dass ihr nutzerzentriert seid. Ein Formular zeigt, ob es stimmt.

Heute arbeite ich freiberuflich und gemeinsam mit HC Merkle unter intro.team – zwei Freelancer für die Phase, in der aus einer Idee ein testbares Produkt wird: Konzept, UX, UI, Prototyp, Nutzertests. Kurze Zyklen, seniore Besetzung, kein Agenturapparat. Und ja, überdurchschnittlich oft geht es dabei um Formulare.


Die Kurzfassung für den nächsten Sprint

Wenn ihr aus diesem Text eine Seite mitnehmt, dann diese:

  1. Zählt eure Felder. Streicht jedes, für das niemand einen Verwendungszweck nennen kann. Und zwar heute, nicht „im nächsten Release“.
  2. Fragt nichts, was ihr ableiten könnt. Ort aus PLZ, Kartentyp aus der Nummer, Anrede meistens gar nicht.
  3. Setzt Defaults bewusst. Sie sind die Antwort für die Mehrheit eurer Nutzer, ob ihr wollt oder nicht.
  4. Macht daraus Smart Defaults. Aus Daten hergeleitet, nicht aus Meetings.
  5. Prüft jede Voreinstellung mit der Nutzenfrage. Wem hilft sie, wenn niemand hinschaut?
  6. Keine Placeholder statt Labels. Nie. Auch nicht, wenn es im Mockup aufgeräumter aussieht.
  7. Fehler am Feld, in Klartext, mit Lösungsweg. Und niemals Eingaben löschen.
  8. Erlaubt Autofill und benutzt korrekte Input-Types. Ein Nachmittag Arbeit, sofort spürbar auf dem Smartphone.
  9. Testet mit fünf echten Nutzern, bevor ihr live geht. Fünf. Nicht fünfzig, nicht null.
  10. Messt feldweise. Ohne Zahlen ist jede Formulardiskussion eine Geschmacksdiskussion – und die gewinnt immer der mit dem höheren Titel.

Formulare sind kein Detail. Sie sind die Kasse. Und eure klemmt.


Quellen und Weiterlesen

  • Johnson & Goldstein: Do Defaults Save Lives?, Science 302 (2003) – science.org
  • Jared Spool: The $300 Million Button (2009) – articles.centercentre.com
  • Baymard Institute: Checkout Optimization – Minimize Form Fieldsbaymard.com
  • Baymard Institute: Cart Abandonment Rate Statisticsbaymard.com
  • Nielsen Norman Group: Placeholders in Form Fields Are Harmfulnngroup.com
  • Government Digital Service: Simpler Carer's Allowance digital service now livegds.blog.gov.uk
  • GOV.UK Design System: Patterns für Formulare und Fragen – design-system.service.gov.uk
  • EuGH C-673/17 „Planet49“ und BGH I ZR 7/16 – vzbv.de
  • OLG Frankfurt 9 U 92/20, BGH X ZR 71/22 zur geschlechtsneutralen Anrede – beck-aktuell.de
  • Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), in Kraft seit 28.06.2025 – bfsg-gesetz.de
  • Luke Wroblewski: Web Form Design – Filling in the Blanks (Rosenfeld Media)

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